Lehrstuhl für Epidemiologie führt neues DFG-Projekt durch

Die COVID-19-Pandemie hat das Gesundheitsverhalten der Bevölkerung in Deutschland massiv verändert. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Nielsen gehen fast zwei Drittel (62 Prozent) der Menschen wegen kleinerer Beschwerden seltener zum Arzt. Eine Routineuntersuchung hat bereits nahezu jede:r Dritte (30 Prozent) schon einmal verschoben, um nicht in die Praxis zu müssen.


Der Lehrstuhl für Epidemiologie von Ordinaria Prof. Dr. Stefanie Klug untersucht ab 1. Mai 2021 genau diese Problemstellung im Rahmen eines neuen DFG-Projekts, das insgesamt mit rund 500.000 Euro gefördert wird und eine Laufzeit von zweieinhalb Jahren hat.

Im Rahmen der Studie mit dem Titel „Einfluss der COVID-19-Pandemie auf die Gesundheitsversorgung von chronisch kranken Patienten“ soll herausgefunden werden, wie sich die Inzidenz und Mortalität von chronischen Erkrankungen während der Pandemie entwickelt hat. Des Weiteren soll eruiert werden, welchen Einfluss Patientencharakteristika und regionale Faktoren auf die kontinuierliche Gesundheitsversorgung von Patienten hat und ob es Anzeichen dafür gibt, dass die veränderte ambulante Versorgung chronisch Erkrankter mit einem veränderten Gesundheitszustand einhergeht.

„Viele Leistungen im niedergelassenen Bereich wie beispielsweise Screenings oder Gesundheits-Check-Ups sind während der Pandemie für einen gewissen Zeitraum komplett eingestellt worden“, erklärt Prof. Klug. „Unsere Vermutung ist daher, dass die Versorgungslage nicht mehr zum Normalzustand wie vor der Pandemie zurückgekehrt ist. Nachdem nun auch schon die zweite und dritte COVID-19-Welle durch sind, sind die Fragestellungen, die wir untersuchen wollen, umso relevanter.“

Dabei wird ein interdisziplinärer Ansatz verwendet, der Epidemiologie, Allgemeinmedizin und Gesundheitsökonomie miteinander verbindet. Weitere Partner sind die Professur für Gesundheitsökonomie von Prof. Dr. Leonie Sundmacher, Prof. Dr. Norbert Donner-Banzhoff von der Abteilung für Allgemeinmedizin, Präventive und Rehabilitative Medizin an der Universität Marburg sowie die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB), die Abrechnungsdaten von elf Millionen Menschen zur Verfügung stellt. Zudem werden Daten des Bayerischen Krebsregisters sowie des Bayerischen Landesamts für Statistik zu Fallpauschalen und Mortalität ausgewertet.

„Wir wollen uns konkret ansehen, wie sich die Gesundheitsversorgung im Laufe der Pandemie-Wellen verändert hat“, erläutert Marian Eberl, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Epidemiologie. „Insbesondere haben wir dabei im Fokus, wie stark der erste Welleneffekt war und ob er unmittelbare negative Auswirkungen hatte. Wir erwarten, dadurch auch herauszufinden, welche Nebeneffekte aufgetreten sind.“

Das Projekt besteht aus den vier Modulen Epidemiologie, Disease Management, Prävention und Gesundheitsökonomie und ist in zwei Arbeitsprogramme unterteilt. Am Ende sollen die Ergebnisse der beiden Programme zur Beantwortung übergreifender Fragestellungen miteinander verknüpft werden.

„Manche der Fragestellungen haben sich aufgrund der zweiten und dritten Welle mittlerweile schon weiterentwickelt, weshalb der Gesamtverlauf der Pandemie analysiert werden muss, um zu sehen, ob aufschiebbare Termine von den Patienten weniger wahrgenommen wurden“, so Eberl. „Unsere Studie ist letztendlich ein Puzzlestein, um eine Datengrundlage und eine stärkere Faktenlage zu bilden. Möglicherweise können wir auf Basis der Ergebnisse Empfehlungen für die Gesundheitspolitik entwickeln.“

Perspektivisch sollen durch die Ergebnisse mögliche Defizite in der Gesundheitsversorgung spezifischer Patientenkohorten beschrieben und somit Patienten, Gesundheitsbehörden und die Gesundheitspolitik besser auf kommende Pandemien vorbereitet werden.

„Die Daten werden sicherlich zeigen, dass zukünftig auf eine solche Pandemie schneller reagiert werden kann, ohne dass es zu Verzögerungen in der Gesundheitsversorgung kommt und das gesamte Gesundheitssystem inklusive der Arztpraxen dann besser vorbereitet sind“, so Prof. Klug.

 

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Kontakt:

Prof. Dr. Stefanie Klug
Lehrstuhl für Epidemiologie
Georg-Brauchle-Ring 56
80992 München

Telefon: 089 289 24950
E-Mail: stefanie.klug(at)tum.de

Marian Eberl
Lehrstuhl für Epidemiologie
Georg-Brauchle-Ring 56
80992 München

Telefon: 089 289 24958
E-Mail: marian.eberl(at)tum.de


Text: Romy Schwaiger
Fotos: Pixabay/privat